Samstag, 30. April 2016

Kapitalismus und Scham/ capitalism and shame


english below 

Dieser link, den ich kürzlich gefunden habe, zeigt einen Text, der  sich mit einem interessanten  Aspekt des späten Kapitalismus beschäftigt.
Darin bezeichnet der Autor Joe Brewer die Scham als geistige Krankheit des Spätkapitalismus. In der Tat hat es dieses System geschafft, alles Scheitern und Schwächeln, das uns Menschen im Leben passiert, praktisch ausnahmslos als selbstverschuldet zu betrachten. Wir finden die Schuld für unser Versagen (das vom Kapitalismus und seinen Anforderungen definiert ist), bei uns, und kaum noch in Systembedingungen, die uns aufgezwungen sind. Als Reaktion auf das  selbstverschuldete Versagen kommt Scham auf, die wir so gut wie möglich vor der Öffentlichkeit verbergen wollen. Wir tun so als seien wir erfolgreich, bis wir entweder zusammenbrechen oder es irgendwie geschafft haben. "fake it until you make it!"

Das ist ein wichtiger Aspekt unserer Lebenszusammenhänge. 



Für unsere Fragestellung kann man daraus ableiten: Wir Künstler sind diejenigen sind, die im künstlerischen Schaffen die Scham zeigen können - unsere eigene wie auch die Scham als gesellschaftliches Phänomen! Dazu braucht man keine politische Kunst zu machen. In der Kunst sind die so genannten Schwächen des Menschen keine Fehler, die irgendwie überwunden werden müssen, sondern Material, das zu den anthropologischen Konstanten des Menschseins gehört. Wir haben Scham und Schuld, wir scheitern und müssen Träume aufgeben. Nur noch in der Kunst (und in gewissen Spielarten der Religion) scheint für diese Aspekte noch Platz zu sein. 


This link, which I have recently found, displays a text which deals with an interesting aspect of late capitalism.In it the author Joe Brewer names shame as the mental illness of late capitalism. In fact,  this system has managed to regard all failure and weakening that happens in life, as self-inflicted - practically without exception. We find the blame for our failure (defined by capitalism and its requirements), in ourselves, and hardly in the system conditions which are imposed on us. In response to the self-inflicted failure shame emerges that we want to hide as much as possible from the public. We do as if we were successful until we either collapse  or make it somehow. "Fake it until you make it!"This is an important aspect of our life circumstances.
For our purposes we can deduce: We artists are the ones who can use and show  shame in artistic creation - our own as well as the shame as a social phenomenon! For this you don´t need to make any political art. In art, the so-called weaknesses of man are not errors that need to be overcome somehow, but material that belongs to the anthropological constants of the human condition. We have shame and guilt, we fail and have to give up dreams. Only in art (and in certain varieties of religion) still seems to be room for these aspects.


Mittwoch, 13. April 2016

effektiver Altruismus und die Künstler/effective altruism and the artists


english below

Ende März stand in der Zeitung „der Freitag“ ein Interview mit dem englischen Philosophen William Mac-Askill, der offenbar einer der Vor- und/oder Nachdenker einer Bewegung ist, die sich effektiver Altruismus nennt. Einer seiner Kerngedanken lautet, dass es viel sinnvoller ist, das eigentliche Helfen an den Brennpunkten der Welt professionellen Helfern zu überlassen und selbst dafür zu sorgen, soviel Geld wie möglich zu verdienen, um davon so viel wie möglich spenden zu können. 
Die Bewegung organisiert sich u.a. hier:  https://www.givingwhatwecan.org/
Echter englischer Pragmatismus!
In dem Interview geht es auch kurz um Künstler. Mac-Askill wird gefragt: „Sie raten, Berufe zu ergreifen, bei denen man möglichst viel Geld verdienen kann, um mehr spenden zu können. Was bedeutet das für Künstler oder generell Berufsgruppen, die schlecht bezahlt werden?“
Die Antwort: „Das könnte man sich fragen, wenn man den Gedanken durchspielt, dass alle Menschen sich am effektiven Altruismus orientieren. Das tue ich aber nicht, denn: Das wird auch nicht passieren. Würde es in einer perfekten Welt noch Künstler geben? Ja. Ist es ratsam, im Moment, so wie die Welt ist, Künstler zu werden? Eher nicht!

Das ist – eingekleidet in den symphatischen Pragmatismus am Anfang der Antwort - eine radikale These zu unserer Frage, wie es möglich sein soll, als KünstlerIn im Kapitalismus zu leben und zu agieren: Künstler sind gerade nicht gewünscht. Es gibt wichtigeres.
Für Max Scheler wäre diese Einstellung ein gutes Beispiel für den „Geist“ des Kapitalismus, der alles der Idee des Fortschritts unterstellt, oder genauer: einem mathematisierten Zweck-Mittel-Denken. Und wenn dann alle Probleme gelöst sind, darf es auch wieder Künstler geben, die zur Problemlösung nichts beizutragen haben, weil sie nicht genug Kohle machen, um spenden zu können. Hinter diesem Zynismus versteckt sich ein Menschenbild, das nach kapitalistischen Kriterien gebaut ist und in dem die Werte, die von Scheler die eigentliche Humanität ausmachen, geringgeschätzt werden.
Viel Gesprächsstoff.....




End of March there was an interview in the newspaper
der Freitagwith the English philosopher William Mac-Askill, one of the main thinker of a movement called effective altruism. One of the core idea of them is that it makes much more sense to leave the real help at the focal points of the world to professional helpers and to make as much money as possible in order to donate as much as possible.
This movement is organized for instance here: https://www.givingwhatwecan.org/
Genuine English pragmatism!
The interview comes shortly to artists. Mac-Askill is asked: "You propose to take professions where you can earn as much money as possible to be able to donate it. What does this mean for artists or other groups who are poorly paid?"
The answer: "That you can only ask if you play through the idea that all human beings are going to support the effective altruism. I do not, however, because: That will not happen. Would there be artists in a perfect world? Yes. Is it advisable at the moment, in the world as it is, to become an artist? Rather not!"

This is - dressed in the sympathetic pragmatism at the beginning of the answer - a radical thesis to our question, how it should be possible to live and to act as an artist under capitalism: artists are just not wanted. There are more important things.
For Max Scheler this setting would be a good example of the "spirit" of capitalism, which put everything under the idea of ​​progress, or more precisely: a mathematized means-end thinking. And if all the problems are solved then, it may once again be advisable to become an artist - who contribute nothing in solving the problems, because they do not make enough money to donate. Behind this cynicism hides an image of man, which is built according to capitalist criteria. The values ​​that define humanity according to Scheler, are not at all appreciated in this image.
Much to talk about.....

Sonntag, 10. April 2016

Max Scheler: Das erste Video/ first video


english below...

Heute möchte ich auf ein kleines Video hinweisen, in dem ich einige Ideen zum Künstler im Kapitalismus vorstelle, die der Philosoph Max Scheler vor gut 100 Jahren formuliert hat. 

(Ein zweites Video wird bald folgen.)
Max Scheler ist ein Denker, den man mit einer gewissen Vorsicht lesen sollte. (Das stimmt vielleicht für alle „Denker“!?) Er gehört zwar meiner Meinung nach nicht zu den wirklich gefährlichen Philosophen, die glauben, irgend ein Geheimnis zu besitzen, um das sie wie um den heißen Brei herumsprechen – Heidegger ist für mich ein Beispiel für diese Kategorie. Scheler legt seine Gedanken offen und man kann schnell erkennen, wo es sich um wirlich bedenkenswerte und originelle Ideen handelt, und wo er hanebüchene und manchmal schwer erträgliche Gedanken von sich gibt. Er war ein großer Befürworter des ersten Weltkrieges und hat dazu einiges geschrieben, das in die Kategorie hanebüchen und schwer erträglich gehört. Aber er war auch einer der wenigen, die nach dem Krieg für die Demokratie und die Weimarer Republik einstand.
Scheler ist für unsere Fragen auch interessant, weil er als Mensch anscheinend zu schwach war, um seinen eigenen Vorstellungen zufolge zu leben. Er war eigentlich immer ein religiöser Denker. Ausgehend von katholischen Überlegungen hat er seine Vorstellungen immer wieder umgewandelt und ist am frühen Ende seines Lebens 1928 bei Überzeugungen gelandet, die eher vom Buddhismus beeinflusst waren.
In den Jahren um 1914 war er noch ein katholischer Philosoph und seine Texte zum Kapitalismus sind deshalb eher ungewöhnlich für uns, weil sie nicht aus der sozialistisch-marxistischen Ecke heraus argumentieren. Das muss man nicht mitmachen, aber erfrischend ist es allemal.
Sein Leben war allerdings nicht gerade religiös geprägt. Es scheint eher triebgesteuert gewesen zu sein oder anders gesagt: Die „Verführungen“ seiner Zeit haben ihn offenbar zerissen. Hugo Ball, der Begründer von DaDa und ebenfalls Katholik, hat von ihm gesagt, dass er nie einen „verendenderen“ Menschen getroffen hätte als Scheler. Diese Tragik, diese Zerissenheit macht ihn interessant. Denn es scheint auch heute manchmal unmöglich, gegen ein System, das bereits in die kleinsten Poren den Menschseins gelangt ist, seine eigene „Natur“ zu bewahren und zu leben. Oder? 
(Darin ist übrigens der Kapitalismus dem Christemtum früherer Zeiten ähnlich. Benjamin sagte einmal, der Kapitalismus sei eigentlich nur die Fortführung des Christentums.)




Today I want to point out a small video in which I present some ideas about the artist in capitalism, that the philosopher Max Scheler formulated about 100 years ago. 
(A second video will follow soon.)
Max Scheler is a thinker, which you should read with some caution. (That may be true for all "thinkers" !?) In my opinion he does not belong to the really dangerous philosophers who believe to have a kind of secret to which they like to beat around the bush - Heidegger belongs for me to this category. Scheler shows his thoughts openly and you can quickly see where they are really thought-provoking and original ideas, and where his thoughts are outrageous and sometimes almost unbearable. He was a great supporter of the First World War and has written things about the war that belong to the category outrageous and hard to bear. But he was also one of the few, who after the war supported democracy and the Weimar Republic.
He is also interesting for our questions, because he was as a man apparently too weak to live according to his own ideas. He was always a religious thinker. Starting from Catholic considerations he converted his ideas steadily and landed in the early end of his life in 1928 in convictions that were more influenced by Buddhism.
In the years around 1914, he was still a Catholic philosopher and his texts about capitalism are therefore rather unusual for us because they do not argue from the socialist-Marxist corner. You don´t  have to join his views, but they are refreshing after all.
His life, however, was not just influenced religiously. It seems to have been driven rather by desire. The "temptations" of his time seem to have torn him. Hugo Ball, the founder of DaDa and also a Catholic, has said of him that he never had somebody, who looked so desperate (perished?) as Scheler. This tragedy and this inner conflict makes him interesting. Because still today it seems often impossible to preserve and live ones own "nature” against a system that has already arrived in the smallest pores of the human condition. Or?

(Here capitalism is very much similar to Christianity. Benjamin once said that capitalism is actually just the continuation of Christianity.)

Donnerstag, 7. April 2016

Hallo, 

auf diesem Blog will ich Gedanken und Fundstücke sammeln, die sich mit der Frage beschäftigen, wie es Künstlern möglich sein kann, 
in unserer kapitalistischen, durchökonomisierten Gesellschaft zu über-leben, 
Kunst zu machen, 
Resonanz auf die eigene Kunst zu finden 
und das alles ohne der Logik des Kapitalismus in die Falle zu gehen. Das ist eine große Aufgabe. 

Zu diesem Thema wird es im September dieses Jahres in Köln ein Kolloquium geben. Dazu finden sich Infos hier: http://stimmfeld.de/kunstlerimkapita.html 

Hi, at this blog I want to collect thoughts, ideas and finds about the question how it is possible for artists
to live and survive in our capitalistic and economized society,
to make art,
to have resonance on your art
and all this without falling into the trap of capitalistic logic.

There will be a colloquium about these subjects in September in Köln/Germany. It will be in german and english. More information here (only in german, the english version will come soon!)
http://stimmfeld.de/kunstlerimkapita.html