Dienstag, 23. August 2016

Punk und Kapitalismus / Punk and capitalism

english below!

In einer Fernsehdokumentation über die Geschichte des Punk, die vor kurzem unter dem Titel "London´s Burning" auf Arte lief, stellt Bob Geldof (kein Punk) im Interview mit Campino von den Toten Hosen eine bemerkenswerte Behauptung auf. Er weist darauf hin, dass es im Punk eigentlich dauernd um "Ich, Ich, Ich" ging und damit in gewisser Weise die neoliberale Wende in der Politik flankiert wurde. Margret Thatcher sei genau genommen so eine Art Johnny Rotten der Politik gewesen.
Starke Worte und bezogen auf das umfassende Phänomen Punk sicher falsch. Aber für uns und unsere Frage nach dem Künstler im Kapitalismus ist es eine Bemerkung, die wir nicht einfach als Unsinn abtun können. Den Hass, den Thatcher auf alles hatte, was man Gesellschaft, Solidarität und Gemeinsinn nennt ("There is no such thing as society!"), kann man in anderer Form auch im frühen Punk finden. Thatcher wollte die Gesellschaft als Gemeinwesen - und als traditionsverhaftetes System! - zerstören, um dem neoliberalen Kapitalismus freie Bahn zu schaffen. Im Punk wollte sich das Einzelwesen aus den Fesseln der miefigen Gesellschaft der 70er in England befreien. Das ist zwar was ganz anderes, aber spielte dem Hyperindividualismus, den wir heute haben, in die Hände. 
Der Kapitalismus hatte dann ja auch kein Problem, die Ästhetik des Punk zu vereinnahmen und den subversiven Impetus für sich nutzbar zu machen. 
Klar, der echte Punk macht genau den Scheiß nicht mit! 
Doch als "Künstlerkritik" an der kapitalistischen Gesellschaft hat Punk das gleiche Schicksal ereilt, wie viele Vorgänger, aber darüber hinaus auch noch Werte vertreten, die Thatcher und Konsorten eben auch durchsetzen wollten.

Viel zu diskutieren, am 17./18. September in Köln beim Kolloquium "Künstler sein im Kapitalismus"! Details gibt es hier: www.stimmfeld-verein.de!

In a television documentary about the history of Punk, which ran on Arte recently under the title "London's Burning" Bob Geldof (no punk) claimed in an interview with Campino of the Toten Hosen  something remarkable. He points out that  in Punk there was a lot of "I, I, I" and through this in a sense, the neoliberal turn in politics was supported. Margaret Thatcher strictly speaking had been a kind of Johnny Rotten of politics.Strong words and related on the bigger phenomenon Punk certainly wrong. But for us and our question of the artist under capitalism it is a remark that we just can not just declare as nonsense. The hatred that Thatcher had on everything like society, solidarity and common sense  ("There is no such thing as society!"), can be found in another form in the early Punk. Thatcher wanted to destroy society as a community - and as a traditional system! -  in order to create free space for neoliberal capitalism. In Punk the individuals wanted to liberate from the shackles of stuffy society of the 70 in England. While that is something completely different, it still plays in the hands of the hyper individualism, that we have today.Capitalism later had also no problem to collect the aesthetics of Punk and make the subversive impetus usable for themselves.Clearly, for the real Punk this is does exactly the shit he or she doesn´t want!But as "artist critique" of capitalist society Punk has the same fate as many predecessors, but in addition also represent values ​​that Thatcher and consorts also wanted to enforce.

Again something to discuss, maybe at 17./18. September in Köln at the colloquium "being artist in capitalism"! Details: www.stimmfeld-verein.de!

Donnerstag, 11. August 2016

Realismus auf der Bühne?/ Reality on stage?

english below

Ein kurzer, und in seiner Kürze unfairer Kommentar zu einem Buch von Bernd Engelmann mit dem Titel "Lob des Realismus", in dem er sich mit der Frage beschäftigt, wie das Theater auf die Situation eines allgegenwärtigen Kapitalismus reagieren soll. Seine Kritik entzündet sich am postmodernen und postdramatischen Theater, das, wie er findet, eher ein Symptom als eine kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Situation darstellt. Da stimme ich ihm übrigens in vielem zu. Aber seine Kritik gilt nicht für die Performance Art! (ein anderes Thema...)
Für unsere Fragestellung der Position des Künstlers im Kapitalismus ist interessant, dass er offenbar das Theater als Fortführung der Politik mit anderen Mitteln versteht. Ganz in der Tradition Brechts und einer "dialektischen" Kunst. 
Damit bleibt er aber auch in einer, mit Scheler gesagt, kapitalistischen Logik gefangen, die sich nur auf die Verteilungsgerechtigkeit als Thema stürzt, ohne zu erkennen, dass diese Diskussion - so notwendig sie auch sein mag -  ganz in der Logik des Kapitalismus geführt wird. 
Ist das die Aufgabe des Künstlers heute? Wahrscheinlich schon. Und dennoch würde ich darauf beharren, dass die Künstler in erster Linie diejenigen sind, die ein Bild des Menschen suchen, das nicht kapitalistisch verzerrt ist. Ein fast unmögliches Unterfangen! Aber eben nicht nur für die gesellschaftliche Aufgabe künstlerischen Tuns wichtig, sondern besonders für die Entwicklung eines künstlerischen Selbstverständnisses, das autark ist - soweit eben möglich. 

Ein schönes Zitat aus seiner Auseinandersetzung mit einem Text von Kathrin Röggla "wir schlafen nicht", in dem sie Interviews mit Angestellten u.a. einer Unternehmensberatung kompiliert und zu einem Prosatext umwandelt. O-Ton Engelmann: "Nähme man diese Erzählungen für wahr, so müsste es sich um eine Gruppe von mittleren Angestellten handeln, die es alle auf ein schumpetersches Piratenschiff verschlagen hat und die nun dem Abenteurerkapitalismus hinterherfahren. Sie reden als wären sie die Freibeuter auf den Weltmeeren des Kapitals, die weder Schlaf noch Freunde kennen. In der Gegenwart ihres Messestandes sind sie jedoch gefangen in den Körpern und Kleidern des deutschen Mittelstandes...."
Das hätte Scheler, der im Freibeuter des 16. und 17. Jahrhunderts den Prototypen des Unternehmers ausmacht, sicher gefreut. Heute wimmelt es in den Unternehmen von Bourgeois, die glauben sie seien Freibeuter, oder wissen, sie müssen so tun als ob, um den Kopf über Wasser halten zu können. 
Und wir Freiberufler? 


A brief, and in its brevity unfair comment on a book by Bernd Engelmann, entitled "In Praise of realism", in which he deals with the question of how theater should respond to the situation of an omnipresent capitalism. His criticism focuse on the post-modern and post-dramatic theater, which, he finds, is more of a symptom than a critical analysis of the social situation. I agree with him in many respects. (But his criticism does not work in relation to  performance art! Another topic...)
For our question about the position of the artist in capitalism it is interesting that he apparently sees theater as a continuation of politics by other means. In the tradition of Brecht and a "dialectical" art. But, to say it with Scheler, he remains in a capitalist logic that crashes only to the distributive justice as a theme, without realizing that this discussion is still lead by the very logic of capitalism - however necessary it may be. Is that the task of the artist today? Probably yes. And yet, I would insist that the artists primarily are the ones who are looking for an image of man that is not distorted by capitalism. An almost impossible task! But important not just for the social role of artistic activity, but particularly for the development of an artistic self. 
A beautiful quote from his reading a text by Kathrin Röggla "we do not sleep," for which she has interviewed employees of a management consultancy and converts these interviews into a prose text.  Engelmann: "Taking these stories to be true, it would have to be a group of middle employees that found itsself on a Schumpeter pirate ship and that now drives behind the adventurer capitalism. They talk as if they were the buccaneers on the high seas of the capital, who know neither sleep nor friends. But in the presence of their booth they are trapped in the bodies and clothes of the German middle class .... " 
Scheler surely would have liked this idea, because he saw the bucaneers of the 16th and 17th century as the prototype for the modern entrepreneur. Todays companies is teeming of Bourgeois, who believe they were bucaneers, or who know they have to pretend so to keep their heads above water. 
And we freelancers?

Dienstag, 9. August 2016

die Zumutungen des Künstlers, the impositions of the artist

In der FAZ vom 11. Juni war eine Rede des Schriftstellers Michael Kleeberg abgedruckt, in der er sich mit dem Künstlerwerden, dem Spiel in der Kunst und den, wie er es nennt, drei Zumutungen beschäftigt, mit denen der Schriftsteller heute konfrontiert ist (und die Schriftstellerin auch...).
Besonders dieser letzte Aspekt ist für unsere Fragen nach dem Künstlersein im Kapitalismus interessant! Kleeberg erste Zumutung besteht in der Konfrontation mit "Meisterschaft" man könnte sagen der Pflicht des literarischen Autors, sich ständig mit den Möglichkeiten der Sprache zu befassen und lebenslang das Schreiben zu lernen.
Die zweite Zumutung sieht Kleeberg in der "Welt" als dem Ort, der das, was zu schreiben ist, immer mitbestimmt, egal ob ich realistische Texte oder Phantasy kreiere.
Die dritte Zumutung schließlich besteht für den Künstler, der den Kompromiss meiden muss wie der Teufel das Weihwasser, in "einem schleichenden Paradigmenwandel, in einem subtilen und fast unsichtbar verlaufenden Prozess der allseits akzeptierten Transformierung der Literatur zur Ware (...) Die Dynamik der Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche hat (..) längst auch das Spiel der Literatur erfasst, denn zweckfrei darf in ihrer Welt nichts mehr sein, nicht die Geburt, nicht die Liebe, nicht die Träume, nicht die Freundschaft, nicht der Tod."

Für Kleeberg wird durch die "Durchkapitalisierung" dem am Meisterhaften orientierten Künstler/Schriftsteller auf allen Ebenen der Boden entzogen. Die Leser, die Vermittler und die Autoren selbst wenden sich dem Erfolgsdenken zu und das System Kapitalismus führt dazu, dass sich "erst die Kriterien für Kunst, dann die Leser und schließlich die Künstler selbst verändern".

Dieser These kann  man aus der Perspektive dieses blogs nur zustimmen. Kleeberg gibt keine Hinweise, wie dieser Prozess zumindest für den Künstler zu verhindern oder zu modifizieren wäre. Wir können als Künstler nicht aus der Welt heraustreten und uns immun gegen die großen Bewegungen machen, in die sich eine Kultur entwickelt. Verweigerung ist aber auch keine Lösung?

Was tun? 

In the FAZ from 11 June there is a speech of the writer Michael Kleeberg in which he deals with the question of becoming an artist , with "playing" in the art and with three impositions writers are facing today.
Especially this last aspect is of interest for our questions about being an artist in capitalism! Kleeberg first imposition is the confrontation with "Mastery", i.e. the duty of the literary author, to be always engaged with the possibilities of language and life-long learning to write.The second presumption of Kleeberg is being in the "world" as the place that always determines what to write, whether I write realistic texts or phantasy.The third imposition for the artist who has to avoid compromises, lies in "a gradual paradigm shift, in a subtle and almost invisible extending process of an universally accepted transformation of literature into a commodity (...) The dynamics of capitalization of all aspects of life has (..) has also longreached  the game of literature, because nowadays nothing should be without purpose, not birth, not love, not dreams, not friendship, not death."
For Kleeberg the writer/artist who tries to focuse on
"Mastery" looses his ground and fundament through the overall capitalization of the world. The reader, the mediators and the authors themselves turn to success thinking and the system of capitalism results in a changement of all the criterias for art, of the reader and finally the artist himself.

From the perspective of this blog we can only agree with this thesis. Kleeberg gives no evidence of how this process at least for the artist could be prevented or modified. As  artists we can not escape from the world and make us immune to the great movements, in which a culture evolves . But denial doesn´t seem to be a solution either?

What to do?